Anna Stern gewinnt den Schweizer Buchpreis 2020

Das hier verwendete Bild stammt von einer Lesung mit Anna Stern im Treppenhaus am  31. März 2016.

Grosse Ehre für eine Rorschacherin!! Anna Stern gewinnt mit ihrem Roman «Das alles hier. jetzt» den diesjährigen Schweizer Buchpreis. Die favorisierten Charles Lewinsky und Dorothee Elmiger haben das Nachsehen. Nachstehend die offizielle Medienmitteilung:

„Der diesjährige Schweizer Buchpreis geht an Anna Stern für den Roman «das alles hier, jetzt.» (Elster & Salis Verlag). In der Begründung der Jury heisst es: «Anna Stern hat einem der ältesten Themen der Literatur eine völlig neue Form und unerhörte Töne abgewonnen. «das aller hier, jetzt.» handelt vom Tod eines geliebten Menschen, und die Autorin erzählt mit grosser experimenteller Kraft und zugleich mit hoher sinnlicher Intensität. Fast beschwörend wird die Vergangenheit wachgerufen und die Leserinnen und Leser in den Erinnerungsprozess einbezogen. Das Erzählverfahren ist höchst originell. Nicht nur kommt der Text über die gesamte Strecke ohne jede Gender-Fixierung der Figuren aus, es ist auch ein Roman in zwei Spuren: auf den linken Buchseiten die Gegenwart der Trauer, rechts die erinnerte Vergangenheit einer gemeinsamen Kindheit und Jugend – bis alles auf ein fulminantes Roadmovie-Finale zusteuert. Ein gleichermassen intimer wie kunstvoller Roman über zutiefst menschliche Erfahrungen.» Das Preisgeld für Anna Stern beträgt 30‘000 Franken, die weiteren Nominierten je 3’000 Franken.

Die öffentliche Preisverleihung im Theater Basel war coronabedingt abgesagt worden. «das alles hier, jetzt.» ist einer von fünf Titeln, die die Jury im September aus 83 eingereichten Romanen und Essays von Schweizer Autorinnen und Autoren nominiert hat. Die weiteren Nominierten waren: Dorothee Elmiger: «Aus der Zuckerfabrik» (Hanser Verlag) Tom Kummer: «Von schlechten Eltern» (Tropen Verlag) Charles Lewinsky: «Der Halbbart» (Diogenes Verlag) Karl Rühmann: «Der Held» (Rüffer & Rub Verlag) Die nominierten Autorinnen und Autoren spüren die Auswirkungen der Pandemieentwicklung stark. So wurden etliche Termine der Lesetour, die normalerweise an der Frankfurter Buchmesse startet und durch Deutschland, Österreich und die Schweiz führt, abgesagt. Auch die Einzellesungen am Festival BuchBasel konnten nicht stattfinden. Besonders schmerzhaft war die Absage der öffentlichen Preisverleihung am Sonntag im Theater Basel. Das Geld, das die Trägerschaft normalerweise für den Apéro und das anschliessende Essen zu Ehren der Nominierten ausgibt, wird dieses Jahr den Autorinnen und Autoren ausbezahlt. Mitglieder der Jury für den Schweizer Buchpreis 2020 waren: Tommy Egger (Buchhändler, Buchhandlung im Volkshaus); Daniel Graf (Kulturredakteur Republik; Jurysprecher), Annette König (SRF-Literaturbloggerin); Christine Richard (freie Kritikerin); Hubert Thüring (Professor für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Universität Basel). Die Expertenjury wird regelmässig personell erneuert. Teilnahmeberechtigt für den Schweizer Buchpreis 2020 waren deutschsprachige literarische und essayistische Werke von in der Schweiz lebenden oder Schweizer Autorinnen und Autoren, die zwischen Oktober 2019 und September 2020 erschienen sind.

Der Schweizer Buchpreis wurde 2008 vom Verein LiteraturBasel und dem Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband (SBVV) initiiert. Ziel ist es, die öffentliche Diskussion über Bücher von deutschsprachigen Schweizer Autorinnen und Autoren zu animieren und mit der aktiven Werbung im Buchhandel sowie mit einer Lesetour durch die Schweiz und Nachbarländer dazu beizutragen, dass diese stärker wahrgenommen, gelesen und gekauft werden. Inzwischen hat sich der Schweizer Buchpreis als eine der bedeutendsten literarischen Auszeichnungen der Deutschschweiz etabliert und geniesst über die Landesgrenzen hinaus Beachtung. Der Schweizer Buchpreis wird dieses Jahr zum dreizehnten Mal vergeben. Der Schweizer Buchpreis wird unterstützt von der Emil & Rosa Richterich-Beck Stiftung, der Forlen Stiftung, dem Schweizer Bücherbon sowie rund 30 Partnerbuchhandlungen. Die Lesetour der Nominierten wird unterstützt von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.“

Das hier verwendete Bild stammt von einer Lesung mit Anna Stern im Treppenhaus am  31. März 2016.

Und nachstehend noch die Laudatio von Daniel Graf:

„Würde man über Anna Sterns Roman so sprechen wollen, wie ihr Buch komponiert ist, man bräuchte neben sich noch ein Double, oder vielleicht besser: einen Zwilling. Man müsste in Stereo sprechen, von zwei Warten aus. Und während man selbst nach vorne schaute, oder vielleicht besser: auf die Gegenwart, hier, jetzt, würde der Zwilling in die Gegenrichtung blicken; würde die Vergangenheit aufrufen und in die Gegenwart hineinstellen, als Einspruch gegen die lineare Zeit, die Auflösung, den Verlust. Und die Stimme müsste ins Stocken geraten, immer wieder verschluckt werden von der Zäsur, die eingetreten ist, sodass der Sprachfluss manchmal abrupt, mittendrin im Satz, einfach abreisst.

Anna Stern erzählt vom Tod, vom Verlust eines geliebten Menschen. Und sie erzählt in zwei Spuren: auf den linken Buchseiten die Jetzt-Zeit, nach dem Tod von ananke, dem Seelen-Zwilling mit dem mythologischen Namen. Und rechts die Erinnerungsspur: Sequenzen aus der gemeinsamen Kindheit und Jugend, Szenen einer geschwisterhaften Freundschaft, die zugleich Urszenen des eigenen Lebens sind: lauter erste Male. Gemeinsame Welterkundung, Schärfung der Sinne.

Und alles ist verknüpft mit Gerüchen: die milch: süß. säuerlich. roh. nach heu. // jauche, hefe. // verbranntes fett, altes laub, totes tier. Oder der Duft nach Sommerregen, petrichor, ein Wort, das auch den mythologischen Namen der Hauptfigur einschliesst: ichor (or: ich). Und wie die Gerüche das Vergangene in die Gegenwart tragen, sind auch die beiden Erzählkolumnen nicht gegeneinander abgedichtet. Zwischen beiden herrscht permanente Osmose, bis das Vergangene ebenso präsent ist wie das Gegenwärtige. Weil die Schwerkraft des Todes beides gleichermassen anzieht wie ein schwarzes Loch: das alles hier, jetzt.

Und so fangen die Kolumnen links und rechts an, über den Seitenrand hinauszufliessen, über die andere Tonspur, die nächste Seite hinweg. Sodass wir als Lesende wieder zurückblättern, selbst aktiv das Übersprungene und Vergessene zurückholen müssen, weil hier – und das ist das Brillante an diesem Einfall – das Grundgesetz des Lesens, die lineare Leserichtung, ausgehebelt ist. Wie sollte man auch angesichts des Todes einfach bruchlos weitererzählen? Und wie der Erinnerung gerecht werden, die doch das Gegenteil von
chronologischer Ordnung ist.

Und schliesslich, nach all dem Vor und Zurück, rast der Roman einspurig auf ein Roadmovie-Finale zu. Vier Freunde und eine Urne, One-Way. Ein Tabubruch als Ausbruch aus der Trauer und als Rebellion gegen all die Brüche im Leben. Selten ist eine Autorin dem Tod mit so viel experimenteller Kraft entgegengetreten wie Anna Stern in diesem Roman, der mit ihrem vorherigen ein literarisches Zwillingspaar bildet, und doch ungleich radikaler ist als jedes ihrer Bücher zuvor. Im Namen der Jury gratuliere ich Anna Stern zu ihrem ästhetischen Wagemut und zur Nomination für den Schweizer Buchpreis 2020.
Daniel Graf (Kulturredakteur «Republik»)