Rorschach ist auch ein Ort für Geschichten…

Manuela Garbini-Kuhn schreibt viel und gern. Hier eine Geschichte von dannzumal, Ende der 70er anfangs der 80er, zwischen Idyll am See und Badhütte…

Am See

Endlos schien der schneebedeckte Weg zu meinem Lieblingsplatz. Damals in der Blüte  meiner Jugend gespannt und neugierig. In gefütterten Lederstiefeln stieg ich den Berg hinunter zum Bodensee. Warm gekleidet mit einem bestickten Baumwollrock. Darunter trug ich seidene Strumpfhosen, darüber Stulpen bis zu den Oberschenkeln, eingehüllt in einen Kaschmirmantel. Dazu schenkte mir Mutter einen passenden Schal, Handschuhe und einen Hut. Sie sorgte sich besonders im Winter um meine Gesundheit.

Ich spazierte weiter dem Seeufer entlang der Sonne entgegen. Es waren kaum Menschen unterwegs, obwohl es seit Mittag nicht mehr schneite. In der Mitte meines Weges hielt ich an, um mich umzuschauen. Da bist du aus dem Nichts erschienen. Ohne, dass ich dich gerufen hätte.

Nie stellte ich mir im Traum einen Mann wie dich vor. Gross, kräftig mit dunkel gelocktem Haar, welches nass und schwer hing. Dein Wintermantel reichte bis zum Boden. Ich löste meinen Schal von der Schulter und legte ihn dir über den Kopf.  Ohne Worte nahmen wir den Weg gemeinsam auf und schlenderten am Ufer entlang zur Holzhütte, welche im Sommer als Badeanstalt diente. Auf dem Steg unter dem Dach haben wir uns gemütlich hingesetzt. Aber an diesem Tag war keine Menschenseele da, die uns störte. Nur die Möwen störten unsere Ruhe, denn sie stritten um Futter.

Wir vergassen die Zeit, sprachen über Gott und die Welt. Dieser romantische Moment sollte nie enden. Nur du und ich. Schneetautropfen kühlten mein heisses Gesicht. Dein Haar war gekräuselt vom hellen Sonnenlicht. Doch darauf holte uns die Realität zurück. Ein lauter Traktor schob die Schneeschaufel vor sich her. Der Fahrer räumte die Seepromenade. Die Romantik wurde dadurch gestört. Unsere Zweisamkeit endete.

Dein Heimweg führte genau in die andere Richtung wie der meine. So trennten sich unsere Wege. Nach dieser intensiven Begegnung spürte ich  ein Verlangen, dich eines Tages wieder zu sehen. Erfüllt nahm ich den Weg nach Hause. Das Licht der Strassenlaternen glitzerte im Schnee. Es war nicht kalt. Mir war warm ums Herz.

Die Wintermonate verstrichen. Im Frühling, als die ersten Blumen blühten, da begann ich aus mir herauszukommen. Ich öffnete mich selbst wie eine Blume. An einem warmen Sonntag zog es mich erneut an meinen Lieblingsplatz am See. Ich nahm denselben Weg wie damals, als du in mein Leben trafst. Diese Begegnung war bedeutungsvoll. Wie unberührt wir damals nach Hause spazierten. Erfüllt von Verständnis und Geborgenheit. Unbefleckt, da wir uns nicht angefasst hatten. Genau dieses Gefühl wollte ich nochmals erleben. Da, bei dieser Hütte am See, voller Hoffnung, dass ich dich dort  wieder treffen werde.

Aber als ich da stand, warst du nirgends zu sehen. Paare kuschelten sich auf der Wiese. Das grosse Verlangen nach dir zerriss mich, vergebens. Ich setzte mich alleine ins weiche Gras. In Gedanken warst du bei mir. Diese Vorstellung bedeutete mir mehr als alle Umarmungen und  Küsse. Ein tiefes Verlangen nach Liebe und Geborgenheit schwelgte mich in Träume. Ich sehnte mich nach dir, deinen treuen Augen. Dein tiefer Blick löste bei mir ein Glücksgefühl aus. Dieses sensible Gespür nach Nähe. Ich fühlte Zärtlichkeit und du warst ganz nah. Unbekümmert und unbelastet schwelgte ich in Träumen. Unsagbar ist das Reissen nach dir. Die Unschuld unserer Jugendlichkeit  liess mich unverletzt. Geblieben ist die Erinnerung daran, wie stark und brav wir geblieben waren. Wie hoffnungsvoll und ohne Angst wir in die Zukunft schauten. Doch unsere Wege trennten sich.

Heute besuche ich den Platz am See nicht mehr. Nur meine Gedanken bringen mir diesen Moment zurück. Ich träume davon, wie schön es wäre, jetzt im Sommer bekleidet mit einem, bestickten Rock. Der tiefe Ausschnitt liesse die Sommerbrise durch meine zarten Brüste streichen. Wäre ich heute bereit, mich dir hinzugeben? Hättest du meiner erotischen Ausstrahlung widerstehen können? Zufrieden legte ich mich hin, fühlte mich rein und offen für alle, die in mein Leben trafen.

Ihre Bücher kann man auch in der Buchhandlung WörterSpiel in Rorschach kaufen. Mehr zu ihr findet man auch auf ihrer Homepage.

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