Ab heute ist „art faces“ im Forum Würth zu sehen

„art faces – Künstlerporträts aus Sammlung Würth“ ist ab heute bis 29. Mai 2022 im Forum Würth an der Churerstrasse 10 in Rorschach zu bestaunen. Noch bis Ende September jeweils Montag ‒ Sonntag, 10.00 ‒ 18.00 Uhr, von Oktober bis März dann jeweils von Dienstag ‒ Sonntag, 11.00 ‒ 17.00 Uhr.

Das Werk und sein Schöpfer – oft betrachtet man das eine und macht sich nicht selten Gedanken über den anderen. Eine Möglichkeit der Annäherung ist das Künstlerporträt. Die Fotografien bildender Künstlerinnen und Künstler im Forum Würth Rorschach bieten diesen persönlichen Zugang auf ebenso unterhaltsame wie tiefsinnige Weise. Das Fotokonvolut in der Sammlung Würth geht zurück auf eine von François und Jacqueline Meyer zusammengetragene Schweizer Kollektion. François Meyer – selbst Fotograf – nutzte seinen Beruf, um der Kunst, die ihn von Kindheit an umgab, noch näher zu rücken. Dies gelang ihm besonders im New York der 1970er‒Jahre, wo er Zugang zu vielen Kunstateliers fand. Getreu seinem Ausgangsinteresse an dem Menschen, der hinter dem künstlerischen Werk steht, entstanden Porträtaufnahmen, die die Beziehung von Kunstschaffenden und deren Werk zu verbildlichen suchen. Eine Besonderheit der Porträtausstellung ist, dass sich originale Werke einiger dieser Künstlerinnen und Künstler gleichzeitig in der parallel laufenden Ausstellung «Lust auf mehr – Neues aus der Sammlung Würth zur Kunst nach 1960» sowie im Skulpturengarten rund um das Würth Haus Rorschach anschauen lassen.

«Das Künstlerporträt […] macht uns mit einer Persönlichkeit bekannt, die wir nur durch ihr Werk kennen. Ob Schriftsteller, Musiker, Maler oder Bildhauer – in der Begegnung mit dem Werk werden wir neugierig, wer der Mensch ist, der es geschaffen hat. Welche Persönlichkeit verbirgt sich dahinter? Von der Fotografie erwarten wir, dass sie eine Antwort darauf gibt.» Erika Billeter (1927–2011), Kunsthistorikerin

24.07.2021, Forum Würth Rorschach: Ausstellung «Art Faces» © Urs Bucher/ ubupix

François Meyer
Der ständige Umgang mit den Bildwerken in der Sammlung seines Vaters weckte in François Meyer den Wunsch, die Menschen kennen zu lernen, die sie machten, und er wollte wissen, wie Werk und Mensch sich im privaten Ambiente darstellten. Er folgt der Spur, die ihm aus der Kindheit so vertraut war. Seine häufigen Besuche in Paris nutzte er, um Künstlerinnen und Künstler zu treffen, verbunden mit dem Ziel, sie irgendwann einmal zu fotografieren. Keine Schnappschüsse, sondern wohl überlegte Kompositionen strebte er an. Die Künstlerinnen und Künstler liessen sich bereitwillig so dirigieren, wie er es sich wünschte. Denn sie vertrautem ihm. 1977 ging er für eine Zeit lang nach New York. Die Pop‒Metropole wurde sein eigentliches Jagdgebiet. Er verbrachte seine Zeit mit Besuchen in den Kunstateliers. Bis er ein Foto machte, hatte er die Kunstschaffenden mehrmals getroffen, manchmal Tage mit ihnen verbracht. Nie hat er eine isolierte Porträtaufnahme gemacht. Immer stellte er die Beziehung zwischen Künstlerin und Künstler mit dem Werk her. Das war sein Credo.

Die New Yorker Kunstszene der siebziger Jahre präsentiert sich auf seinen Fotos wie ein buntes Kaleidoskop des damaligen Zeitgeistes. Jede porträtierte Person bestimmt einen eigenen Dialog, der sie mit dem Fotografen führt – oder umgekehrt: den der Fotograf mit ihr führt. So öffnet uns die Fotografie einen ganz neuen Aspekt des Menschen und seines Werkes. François Meyer lässt z.B. David Hockney auf einem Stuhl Platz nehmen und neben ihm hängt sein gemaltes Selbstporträt, das Hockney an einem Tisch sitzend, zeichnend darstellt. Das sind die beiden Ebenen der Realität – die der fotografierten und die der gemalten. Eine aufschlussreiche Gegenüberstellung, die das Selbstbildnis und das fotografierte Porträt identisch werden lässt.

Drei Jahre hat François Meyer einen fotografischen Dialog mit den Künstlerinnen und Künstlerin geführt. Diese Fotos sind der Grundstock seiner Sammlung. Erst Jahre später hat er begonnen, Künstlerporträts von berühmten und weniger berühmten und selbst unbekannten Fotografinnen und Fotografen zu sammeln. So persönlich er mit seiner Kamera auf die Kunstschaffenden zu ging, so eigenwillig baute er auch seine Sammlung auf. Er suchte nicht vordergründig nach grossen Namen. Das Foto musste in ihm etwas auslösen, eine Emotion provozieren, ihm im gelungensten Fall eine Botschaft übermitteln. So ist die Sammlung von Künstlerporträts keine Ansammlung von berühmten Fotos, die wir aus Publikationen kennen, sondern eine Sammlung mit Überraschungen, bei der wir Berühmtheiten antreffen und von einem unbekannten Fotografen ebenso beeindruckt sind.

24.07.2021, Forum Würth Rorschach: Ausstellung «Art Faces» © Urs Bucher/ ubupix

August Sander
Das älteste Foto der Sammlung stammt von August Sander (1876 – 1964), ein Porträt von Otto Dix, wie er Hunderte von Porträts gemacht hat. So neutral wie möglich. Nichts verrät hier den Maler. Der Maler ist einer unter Hunderten von Deutschen. Sander sucht einen Typus darzustellen, nicht die Individualität einer Persönlichkeit. Dieser spontane, persönliche Zugriff auf ein Foto bringt eine unsystematische, dafür umso lebendigere Sammlung zu Stande. Sie verweigert sich einer chronologischen aufgelisteten Abfolge ebenso wie einem historischen Überblick. Der Schwerpunkt liegt auf der zeitgenössischen Kunst, was sich schon durch den Sammler selbst erklärt. Aber das heisst nun durchaus nicht, dass nicht auch frühere Fotografinnen und Fotografen sowie Künstlerinnen und Künstler wichtig wären.

Arnold Newman
Es ist durchaus kein Zufall, dass Fotografen mehr aufzeigen wollen als nur eine Porträtstudie. Sie suchen nach den Verbindungen, die zwischen Kunstschaffendem und Werk bestehen. Diese Idee steht hinter den Künstlerporträts, die Arnold Newman (1918 – 2006) seit den vierziger Jahren machte. Er gehört zu den grossen Porträtfotografen des 20. Jahrhunderts; in der Reihe von meisterhaften Bildnissen begegnen uns zahlreiche Künstlerporträts. Eines seiner berühmtesten, das seine Beschäftigung mit dem Porträt einleitet, ist das 1942 entstandene Porträt von Piet Mondrian. Es enthält bereits alle Kriterien, die seinen Porträtstil auszeichnen. Die streng vertikal gebaute Komposition folgt den Bildordnungen des holländischen Konstruktivisten. Entstanden ist ein Foto, komponiert wie ein Bild Mondrians mit den Mitteln, die dem Fotografen zur Verfügung standen: Eine Staffelei im Vordergrund und gemalte Quadrate im Hintergrund bilden ein Netz aus Vertikalen und Horizontalen. Die gesamte Komposition ist geometrisch angelegt und der Maler ihr eingegliedert. Arnold Newman gelingt eine adäquate Umsetzung der ästhetischen Prinzipien Mondrians. Er interpretiert ihn aus dem Geiste seines künstlerischen Konzepts. Die Fotografie gehört zu den Höhepunkten der Sammlung Meyer. Sie steht am Anfang von Arnold Newmans fotografischen Porträts, die in der Geschichte der Fotografie eine neue Ära einleiten. Newman fotografiert seine Personen in ihrem ihnen entsprechenden Umfeld und sucht damit der Persönlichkeit des Dargestellten Ausdruck zu verleihen. Das Foto Mondrians deckt diese Beziehung von Werk und Mensch beispielgebend auf.

Denise Colomb
Denise Colomb (1902 – 2004) entschied sich nach der Begegnung mit Man Ray für die Fotografie. Sie arbeitet für verschiedene Zeitschriften, machte Reportagen. Aber ihre Liebe galt dem Künstlerporträt, das ihre Arbeit wie ein Leitmotiv durchzieht. Als Schwester des berühmten Pariser Galeristen Pierre Loeb öffneten sich für sie die Türen der Kunstateliers. Denn das ist sicherlich nicht selbstverständlich. Ein Kunstatelier ist die persönlichste Umwelt der Kunstschaffenden. Sie hier zu fotografieren heisst auch, in ihre intimsten Bereiche einzudringen und sie öffentlich zu machen. Viele der Künstlerfotografien wurden in grossen Bildzeitschriften publiziert. Von Denise Colomb befinden sich mehrere Fotos in der Sammlung. François Meyer hegt eine ganz besondere Neigung für sie. Die Subtilität, mit der die Fotografin den Ort der Künstlerin oder des Künstlers, ihr lieu sacré, mit ihrer Kamera umschreibt, macht es uns leicht, ihr in diese Welt des Privaten zu folgen. Wir kommen uns nicht wie Eindringlinge vor.

Kurt Blum
Der Schweizer Fotograf Kurt Blum (1922 – 2005), mit mehreren Aufnahmen in der Sammlung vertreten, hat 1954 den greisen Cuno Amiet fotografiert. Hoch betagt steht er vor der Leinwand in seiner Wohnstube, in Anzug und Krawatte, und malt ein Modell in Trachtenkleidung. Sonne strahlt ins Zimmer. Ein Flair von Harmonie, Zufriedenheit breiteten sich aus. Der Fotograf hat hier die Stimmung eingefangen, in der die späten Bilder Amiets entstanden, und damit auch eine Aussage über den Künstler selbst gemacht.

Benjamin Katz
Vor allem Benjamin Katz (geb. 1939) hat sich mit bemerkenswerter Ausschliesslichkeit dem Künstlerporträt gewidmet. Zur variantenreichen Schau auf die Künstlerinnen und Künstler trägt er ganz spektakulär bei. Im verdanken wir den überraschenden Blick auf Cindy Sherman, einmal unmaskiert. Eine junge, melancholische, sanfte Frau tritt uns entgegen, die niemand unter ihren Masken und Verkleidungen vermutet hätte. Georg Baselitz hat auf einem Wagen seine Farben aufgebaut und schiebt diesen vergnügt vor seinem Gemälde entlang. Ein Schnappschuss, möchte man sagen. Dahinter aber dürfte die lange Beobachtung des Künstlers stehen. Ebenso das Porträt von Gerhard Richter: Da blitzen die Augen, dass der Blick des Betrachters magisch angezogen nur auf sie fällt. Das Beuys‒Foto dürfte ein wirklicher Schnappschuss sein. Beuys unterhält sich mit einem maskierten Mann auf einer Vernissage, lachend. Das ist schon etwas Besonders. Denn der Künstler, beinahe so oft fotografiert wie Picasso, gab sich selten so wohl gelaunt.

Jean Dieuzaide
Der Franzose Jean Dieuzaide (1921 – 2003), ein hoch ausgezeichneter Foto‒Journalist für Sport-, Landschafts-, Porträtfotografie, hat 1951 während eines Spanienaufenthaltes Salvador Dalí in Cadaquès besucht und machte eines der berühmtesten Porträts von ihm. «Dalí dans l’eau» betitelte er sein Bild. In der Tat guckt der Künstler nur mit dem Kopf aus dem Wasser, im Mund zwei Blumen, die den Schnurrbart verlängern. Mit aufgerissenen Augen blickt er in die Kamera. Dieuzaide hat kein surrealistisches Foto gemacht, sondern Dalí als Surrealisten gezeigt. Darin liegt die Meisterschaft des Fotos. Wahrscheinlich hat es nicht einmal viel Überredungskünste gebraucht, um Dalí für diese Inszenierung zu gewinnen.

24.07.2021, Forum Würth Rorschach: Ausstellung «Art Faces» © Urs Bucher/ ubupix

Konzeption und Realisation: Ein Konzept für das Forum Würth Rorschach von Sonja Klee in Zusammenarbeit mit Hanna Jung und dem Team vom Forum Würth Rorschach. Anzahl der Exponate: 108 Werke im Forum Würth Rorschach ausgestellt, 230 Werke in der Sammlung Würth. Begleitprogramm: Das detaillierte Kulturprogramm ist auf der Website www.wuerth-haus-rorschach.ch einsehbar. (Text/Bilder: pd)