Grosses Interesse für eine ganz zentrale Frage

„Gibt es ein gutes Sterben?“ war der Titel der Veranstaltung, zu dem Palliative Care Forum Bodensee am Dienstagabend eingeladen hat. Nachstehend ein Bericht, der von Werner Nef verfasst wurde. Das Beitragsbild zeigt von links nach rechts: Anna Maria Frei, Seelsorgerin Kath. Kirche Rorschach; Marko Prietzel, dipl. Pflegefachmann PeLago; Dr. med Michael Giger, Oberarzt Onkologie Kantonsspital St.Gallen; Dr. med. Markus Bigler, Kinderarzt Rorschach; Moderator Hanspeter Trütsch, St.Gallen; Ruth Diethelm, Pflegefachfrau Spitex Rorschach und Monika Wegmann, Leiterin Hospizgruppe Rorschach.

Die Frage „Gibt es ein gutes Sterben?“ geht uns alle an. Deshalb lud das Palliative Care Forum Bodensee am 18. Februar 2020 zu einem Podiumsgespräch ins Evangelische Kirchgemeindezentrum Rorschach ein. Dass diese Frage auf grosses Interesse stiess, bewiesen die übererwartet vielen Besucher, die der Einladung folgten. Die Veranstaltung eröffnete die Cellistin Sarah Wiesmann. Dann begrüsste Pfarrerin Esther Marchlewitz die Fachleute und Zuschauer mit einem kurzen Überblick über das Sterben von der Antike bis heute. Anschliessend stimmte sie die Zuhörer auf das Thema ein, indem sie sieben Menschen verschieden Alters, ihre Meinung zum Thema Sterben ab Band vortragen liess. Sofort wurde klar, alle wünschen sich einen Tod ohne Schmerzen und lange Leidenszeit, am liebsten zu Hause im Kreise ihrer Familie.

Anschliessend übernahm der langjährige Journalist und Bundeshaus-Korrespondent Hanspeter Trütsch das Mikrofon und führte mit viel Fachkenntnis und souverän durch den Abend. Er stellte einleitend die Gesprächspartner vor. Bald stellte sich heraus, dass es keine leichte Aufgabe ist, sich beruflich mit sterbenden Menschen zu beschäftigen. Trotzdem sei es eine sehr schöne Aufgabe, Menschen auf ihrem letzten Gang zu begleiten. Darin waren sich alle Podiumsteilnehmenden einig. Man müsse aber stets eine gewisse Distanz wahren. Es sei sehr wichtig, zwischen Beruf- und Privatleben zu unterscheiden. Trotzdem gebe es immer wieder Fälle, die auch dem Profi ans Herz gehen. Stirbt beispielsweise ein Kind, ist das für den Kinderarzt jedes Mal eine besondere Belastung, die er zusammen mit den Eltern verarbeiten muss. Auch beim Pflegepersonal, das vielleicht jahrelang einen Menschen im Heim gepflegt hat, wird eine emotionale Beziehung aufgebaut, die man loslassen muss, wenn der Patient verstorben ist. In diesem Fall sei es auch für das Pflegepersonal sehr wichtig, dass sie trotz der strengen Arbeit Zeit zum Trauern finden.

Für die Mitarbeiter der Spitex ist es nicht möglich, einen Patienten rund um die Uhr zu versorgen und ihn in den letzten Stunden ständig zu begleiten. Diese Aufgabe der Begleitung übernimmt auf Wunsch die Hospizgruppe, die sich in Rorschach aus 20 Frauen zusammensetzt, welche die letzte Zeit bei einem sterbenden Menschen verbringen und ihn begleiten. Auch die Seelsorgenden übernehmen diese Aufgabe. Sie stellen fest, dass dann auch Menschen, die in ihrem Leben mit Gott und der Kirche nicht viel anfangen konnten, plötzlich die Nähe zu Gott suchen und froh sind, wenn sie mit einem Menschen sprechen können, um ihm noch das eine oder andere anzuvertrauen, um dann mit ihrem Leben aufgeräumt und in Frieden abschliessen zu können. Wichtig sei, dass der Begleiter dem Sterbenden die Angst nimmt, die viele Menschen vor der Ungewissheit haben, die sie nun erwartet.

Entscheidend sei es, dass man wenn möglich mit den Angehörigen zusammenarbeiten könne und diese über die Wünsche und Bedürfnisse des sterbenden Menschen Bescheid wissen. Deshalb empfiehlt es sich schon früh, solange der Patient noch bei vollem geistigem Bewusstsein ist, über sein Sterben zu sprechen. Am besten hält man das Ergebnis in einer Patientenverfügung fest, damit auch die behandelnden Ärzte und das Pflegepersonal Bescheid wissen und entsprechend so handeln können, wie es sich der vielleicht nicht mehr ansprechbare Patient wünscht.

Dr. Michael Giger betonte klar, dass es viele Therapien im Spital gibt, die nicht das Leben verlängern, wie das oft von Angehörigen angenommen werde, sondern nur dem Patienten das Sterben erleichtern. Natürlich wirft die moderne Medizin auch schwierige Fragen auf, die von den Ärzten wie von den Angehörigen beantwortet werden müssen, die man früher gar nicht kannte. Soll man beispielsweise einem stark dementen Menschen eine Chemotherapie oder schwere Operation noch zumuten oder nicht. Wann ist der Zeitpunkt bei einem vielleicht noch jüngeren Menschen die Maschinen abzustellen. Schwierige Fragen, die ans Gewissen der Beteiligten greifen.

Am Abend wurde auch klar: eine ausreichende Betreuung von Sterbenden verlangt nach freiwilligen Helfern, z.B. in einer Hospizgruppe. Erstaunlicherweise arbeiten im Moment nur Frauen dort mit. Die Leiterin Monika Wegmann ist überzeugt, dass auch Männer mitmachen könnten, obwohl sie die grössere Hemmschwelle überwinden müssten. Die Hospizgruppe übernimmt keine Pflegeleistungen, sie ist ausschliesslich nur für die Betreuung und Begleitung des Sterbenden zuständig. Die Betreuung ist kostenlos. Die Organisation finanziert sich aus Spenden und der jährlichen Kollekte der Katholischen und Evangelischen Kirchen in Rorschach.

Etwas schwieriger wird es, wenn Menschen aus anderen Kulturkreisen ihrem Lebensende entgegen gehen. In diesem Fall versucht man, Fachleute aus diesen Kulturen zu erreichen, die dann den Sterbenden nach seinen Regeln und Bräuchen begleitet. Sogar die Frage, wie es mit der Palliativpflege in Rorschach aussieht, wenn das Spital geschlossen wird, wurde diskutiert. Genaues weiss niemand, aber alle Fachleute hoffen, dass man eine gute Lösung finden wird.

Als Schlusswort stellte Hanspeter Trütsch den Fachleuten nochmals die Frage. „Was ist für sie persönlich gutes Sterben?“ Die Antworten fallen durchaus unterschiedlich aus. Eines wird jedoch klar: Leben und Sterben gehören zusammen und der Mensch muss lernen, das Leben loszulassen. Alle möchten in Frieden, wenn möglich im Kreis ihrer Familie und zu Hause sterben.

Der Moderator beschliesst den Abend mit einigen sinnreichen Sprüchen aus Kalendern über das Streben und setzte so dem doch sehr ernsten Thema einen besinnlichen Schlusspunkt mit einem Schuss Humor. Nachdem die Cellistin die Anwesenden mit einem Schlussstück verabschiedet hatte, entliess Pfarrerin Esther Marchlewitz die Zuhörenden mit der Aufforderung sich die Frage, was gutes Sterben ist ganz persönlich auseinanderzusetzen. Beim anschliessenden Apéro wurde lebhaft über dieses sehr wichtige Thema diskutiert.