Der steinige Weg der Integration ist kein Spaziergang

Am 14. November lud der evangelisch-reformierte Pfarrer Pius F. Helfenstein zusammen mit der „Initiativgruppe Begegnung und Dialog Region Rorschach“ ins evangelische Kirchgemeindezentrum zu einem Podiumsgespräch zur Integration ein. Dabei wirkten Ariane Thür, Stadträtin für Soziales Rorschach, Felix Baumgartner, Integrationsbeauftragter der Stadt Wil, Toni Ziltener, Projektleiter „Lern Etwas“ Rorschach, Rana Al Khozoz, Flüchtling aus Syrien und Verdi-Dolmetscherin sowie Abraham, ein Flüchtling aus Eritrea, mit. Nachstehenden Bericht hat Werner Nef verfasst. Auch die Bilder stammen von ihm.

Eröffnet wurde die Veranstaltung durch den „Chor ohne Grenzen“ aus Arbon unter der Leitung von Alexa und Emanuel Vogel. Silvia Maag, Leiterin „Regionale Fachstelle Integration“ der „ARGE Integration Ostschweiz“, begrüsste die Teilnehmer. Sie unterstrich, dass ihre Organisation seit zehn Jahren übergreifende Kultur- und Religionsveranstaltungen fördere, und zwar durch Anlässe wie Diskussionen, Filme oder Tage der ‚Offenen Moschee‘. Ihr Ziel die Förderung des gegenseitigen Verständnisses. Weiter bietet die Fachstelle Dolmetscherdienste, Sprachschulen mit Integrationskursen, Staatskundekurse und anderes an. Die kantonale Abteilung „interreligiöser Dialog- und Aktionswoche“ (ida) setzte ein Zeichen für die gegenseitige Offenheit und gegen die Abschottung und Ausgrenzung. Dabei fusst die Idee von „ida“ auf der St. Galler Erklärung für das Zusammenleben der Religionen und den interreligiösen Dialog. Sie bekennt sich zum friedlichen Zusammenleben in religiöser und weltanschaulicher Vielfalt. Sie wird getragen vom Kanton, verschiedenen religiösen Organisationen und Kirchen und organisiert alle zwei Jahre im September eine Aktionswoche.

Pfarrer Helfenstein stellte die Podiumsgesprächspartner vor. Gleich zu Beginn lernten wir den Flüchtling Abraham aus Eritrea kennen. Er wartet bereits seit vier Jahren auf den Behördenentscheid für einen festen Aufenthalt in der Schweiz. Anders als seine Frau und Kinder hatte er damals seinen Erstantrag auf Asyl nicht in der Schweiz, sondern in Italien gestellt, was ihm jetzt zum Verhängnis wird: Als anerkannter Flüchtling in Italien erhält er in der Schweiz nicht automatisch eine Aufenthaltsbewilligung und darf auch keiner bezahlten Arbeit nachgehen. Dank Toni Ziltener und dem Projekt „Lern etwas“ konnte er dennoch zumindest einmal Grundkenntnisse in der Holzbearbeitung erwerben, um später besser in den hiesigen Arbeitsprozess integriert zu werden.

Die Teilnehmer auf dem Podium von links nach rechts Toni Ziltener „Lern Etwas“ Rorschach, Abraham Flüchling aus Eritrea, Rana Al Khozoz, Flüchtlich aus Syrien, Ariane Thür Stadträtin für Soziales Rorschach, Felix Baumgartner Integrationsbeauftragter der Stadt Wil und Moderator Pfarre Pius Helfenstein.

Felix Baumgartner blickt als Integrationsbeauftragter der Stadt Wil auf grosse Erfahrung im Umgang mit Migranten zurück. Er verwies auf die vielfältigen Gründe der Migration und wie den Einwanderern von Gesetzes wegen etliche Hürden auferlegt werden. So erlebten die Flüchtlinge viele emotionale Hochs und Tiefs auf ihrer Suche nach einem Ankommen in der Schweiz.

Rana Al Khozoz aus Syrien hat den Sprung vom Leben in ihrer früheren Heimat in die Schweiz relativ gut gemeistert. Die gelernte Buchhalterin lernte schnell unsere Sprache, bildete sich weiter und liess nie ihr gestecktes Ziel aus den Augen. Heute arbeitet die zweifache Mutter als Dolmetscherin bei der Organisation Verdi und unterstützt so ihre Landsleute, die in der Schweiz Fuss fassen möchten. Sie ist dankbar, dass sie die Chancen in der Schweiz nutzen durfte.

In der Schweiz leben rund 25 % Immigranten und die Wirtschaft sei auf diese ausländischen Arbeitskräfte angewiesen, meinte Stadträtin Ariane Thür Wenger. Wo aber finden Neuankömmlinge bei uns Anschluss und wo gibt es Begegnungsmöglichkeiten mit den Ansässigen? Dazu bieten sich Sport- und andere Vereine an, ebenso die Kirchen, Schulen, Quartiertreffs und der Arbeitsplatz. Ganz wichtig sei, dass wir uns alle aufmachen und aufeinander zugehen – auch wenn es mit der Sprache vielleicht nicht auf Anhieb klappt. Allein das Gefühl wahrgenommen und beachtet zu werden, tut schon gut. Das Wichtigste ist, dass wir uns gegenseitig näher kommen und miteinander reden.

Nach der Pause, welche durch Lieder vom „Chor ohne Grenzen“ aufgelockert wurde, stellte Moderator Helfenstein den provokativen Plakat-Vorschlag von Mansours in den Raum: „Sie sind in Europa herzlich willkommen und können hier in Sicherheit leben. Aber ihre Tochter darf hier mit 18 Jahren Geschlechtsverkehr haben und Sie können als Vater nichts dagegen tun.“ Der allgemeine Konsens darauf war, dass der juristische Sachverhalt zwar klar sei und es daran nichts zu rütteln gebe. Dennoch sei ein solches Plakat in der Schweiz kaum vorstellbar. In unserer Kultur wolle man nicht unnötig provozieren, sondern im Miteinander einen gangbaren Weg suchen. Integration brauche Zeit, ja, sei ein Mehrgenerationenprojekt. Es gebe „nicht verhandelbare Werte“ wie zum Beispiel die Menschenrechte und Menschenwürde, aber noch lange nicht alle Werte seien deshalb in Stein gemeisselt. Viele gesellschaftliche Werte seien vielmehr ständig im Fluss.

Hier frage ich mich: Dürfen wir als Gastland auch etwas erwarten? Denn die Integration hat auch für uns Folgen. Unsere Kultur wird ebenfalls langsam verändert und das Zusammenleben stellt auch uns vor grosse Herausforderungen – zum Beispiel in einem Mehrfamilienhaus, in der Schule oder am Arbeitsplatz. Nicht alle Immigranten benehmen sich als Mustergäste. Denken wir nur an die gestiegene Kriminalität oder an die schwierige Aufgabe der Behörde, wenn junge Muslims ihrer Schwester den Umgang mit Schweizer Jungs verbieten. Welche Organisation oder Behörde vertritt da die Bedürfnisse unserer Bevölkerung? Leider blieben derartige Fragen unbeantwortet, bzw. wurden schon gar nicht gestellt. Schade – sie wären sehr aufschlussreich gewesen!

Wer bin ich? – Die Frage nach der Identität stand gegen Ende des Abends im Mittelpunkt. Und da brachte es Abraham nochmals auf den Punkt. Er träume davon mit seiner Familie in der Schweiz leben zu dürfen, aber seine Muttersprache und seine Kultur möchte und könne er deswegen nicht verleugnen. Und der Integrationsbeauftragte fuhr fort: Migranten entfremdeten sich von ihrer ursprünglichen Heimat und Kultur zwar immer mehr, könnten und müssten sie aber auch nicht gänzlich abstreifen. Migranten seien immer beides zugleich und beides zugleich auch nicht. Und wir Schweizer – so möchte ich ergänzen – wir können und wollen unsere Wurzeln auch nicht verleugnen!

Chor ohne Grenzen aus Arbon

Zuletzt bedankte sich Regula Hürlimann von der „Initiativgruppe Begegnung und Dialog Region Rorschach“ für das Gespräch und überreichte drei von Abraham gefertigte Hocker an die Teilnehmer und für ihn und Toni Ziltener ein kleines Präsent. Ein letztes Lied vom „Chor ohne Grenzen“ leitete zum lockeren Begegnungsapéro über.

Am Samstag war im Tagblatt nachstehender Bericht von Ines Biedenkapp zu dieser Veranstaltung abgedruckt:




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