„Unerschöpflich wie ausgefallen“ – Kunst am Seeufer

Hier noch die Eröffnungsrede von Elisabeth Krucker, Präsidentin KulturFrühling Rorschach, anlässlich der Vernissage am letzten Samstag vor dem Kornhaus im Wortlaut:

„‚Billboards am See‘ ist das Nachfolgeprojekt der ‚rendez-vous Ostschweizer Kunstschaffender‘, das der Verein KulturFrühling in den vergangenen 9 Jahren im Projektraum im Kornhaus durchführte und das vielen Kunstschaffenden in Ausstellungen eine Plattform bot. Nach diesem eher klassischen Format mit jeweils 3 Wochenenden Ausstellungsdauer schaffen wir nun mit den Billboards einen Ort der Inspiration, der während der Sommermonate jederzeit für jedermann zugänglich ist und so zur Belebung und Attraktivitätssteigerung der Seeuferpromenade beitragen will.

Es ist für uns eine grosse Freude, dass wir das Projekt mit einer Arbeit von Roman Signer eröffnen dürfen. Ich begrüsse Roman Signer, den Künstler aus der Region, der mit seinen Aktionen weltweit die Kunstwelt zum Staunen bringt. Ich begrüsse herzlich auch seine Gattin Aleksandra. Wir bedanken uns bei ihnen, dass sie uns die Bilder aus der Aktion vor dem Théâtre Nanterre-Amandiers in Paris von 2018 zur Verfügung stellen.

Roman Signers Erfindergeist, alltägliche Dinge zu verwandeln und zum Leben zu erwecken, ist unerschöpflich: wasserspeiende Gummistiefel, schwebende Kajaks, explodierende Chefsessel, Stühle und Tische. Was er in die Hand nimmt, versieht er mit einer Kraft, versetzt er in Bewegung, er verwandelt es. Mit ebenso präzisen wie unerschrockenen Experimenten führt er uns vor Augen, dass das Alltägliche auch anders sein kann. Doch hinter der scheinbaren Leichtigkeit und Einfachheit seiner Aktionen steckt minutiöse Planung und Vorbereitung, wie seine Ideennotizen, Skizzen und Projektzeichnungen aufzeigen.

Es ist über die Jahre seines Schaffens viel über sein Wirken geschrieben worden. Ich möchte mich auf das Zitat von Paul Good aus dem Vorwort zu seinem kulturphilosophischen Buch „Härtetest des Schönen“ beschränken: ‘Signers Einfälle sind so unerschöpflich wie ausgefallen, die Requisiten so mannigfaltig wie gewöhnlich, die Ausführung so direkt wie kurz und bündig. Seine Kunst handelt von einer ebenso simplen Objektwelt wie von einer Welt spezifisch industrieller oder technischer Hilfsmittel. Irgendwie geraten bei ihm alle Dinge in Situationen äusserster Komik. Immer passiert etwas Unerwartetes mit ihnen.’

Roman Signer macht keine Perfomances. Er erzählt keine Geschichten. Roman Signer ist Bildhauer, er baut Skulpturen. Allerdings nicht aus Marmor oder Bronze, sondern mit alltäglichen Materialien und Gegenständen, und er bezieht Zeit, Beschleunigung und Veränderung in den skulpturalen Prozess mit ein. Signers «kleine und grosse Ereignisse», das ist die Transformation einer Skulptur in eine andere Form.

Dies ist auch bei der Aktion vor dem Théâtre Nanterre-Amandiers in Paris auf den Billboards deutlich. Die 5 Videostills ergeben eine Bildsequenz, beginnend beim Ausgangszustand, dem «Potential», wo wir uns vorstellen, was nun passieren könnte. Vielleicht treffen wir auch zuerst auf den Endzustand, und wir stellen uns vor, was sich hier abgespielt haben könnte. Und wir sehen den Transformationsprozess, allerdings nicht als Video mit 25 Bildern pro Sekunde, sondern nur 3 Momentaufnahmen daraus. Diese Fragmentierung der Erzählstruktur wird hier bei den Billboards pointiert durch die Anordnung an den beiden dreieckigen Pylonen. Was sich genau in welcher Reihenfolge ereignet hat, ist Kino im Kopf.

Um Roman Signers Werke zu sehen, muss man nicht unbedingt ins Museum gehen. Es lohnt sich auch, seinen Spuren hier in der Region zu folgen.

In St. Gallen finden sich im öffentlichen Raum verschiedene Installationen von Ihm. Nicht nur der Brunnen im Grabenpärkli mit dem roten Fass, das 1987 bei vielen St.Gallern für ebenso rote Köpfe sorgte.

Bei der EMPA im Westen der Stadt stehen 5 mal 5 blaue Fässer. Durch Düsen von unten eingespritztes Wasser bringt sie zum vielstimmigen Vibrieren und Summen.

An der Kreuzbleiche vor der Kaufmännischen Schule können Sie durch einen Wassertunnel gehen, für einen Moment eingehüllt in das Rauschen des Wassers und – gerade im Sommer – angenehme Kühle.

In Appenzell, in Sichtweite von Signers Elternhaus, steht zwischen Kirche, Strasse und Sitter ein Küchentisch aus Edelstahl. Von Zeit zu Zeit schiesst unvermittelt Wasser aus zwei Tischbeinen und hebt den Tisch empor, mit nachlassendem Wasserstrahl senkt er sich langsam wieder.

Gleich daneben, auf dem Adlerplatz, ist eine Drehscheibe eingelassen. Von Roman Signer als «Instrument zur Raumerfahrung» konzipiert, dreht sie sich in 3 Minuten einmal um 360 Grad und führt uns auf entschleunigte Art und Weise Signers Heimat vor Augen.

Roman Signer ist aber nicht einfach ein Ostschweizer Künstler: In West- und Osteuropa, Nord- und Südamerika, Japan, China – als weltweit gefragter Künstler ist er in Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen und an Kunstbiennalen vertreten. So liess er an der Shanghai Biennale 2012 im gewaltigen Kamin eines ehemaligen Heizwerks mit einem inneren Durchmesser von 17 Metern aus 35 Metern Höhe eine mit Farbe gefüllte Hohlkugel mit dem Durchmesser von 1 Meter fallen – die Kugel zerbarst und die blaue Farbe wurde explosionsartig freigesetzt.

Diese Videoskulptur zeigt eindrückliche Bilder mit faszinierenden Farben. Die Aesthetik und Kraft der Explosion der Kugel mit der blauen Farbe wurde anlässlich der Ausstellung im 2014 im Kunstmuseum St. Gallen als Video präsentiert und bleibt unvergesslich, magisch.

Herzlich danken möchte ich allen, die sich finanziell engagiert haben, dass dieses Projekt realisiert werden konnte: der Stadt Rorschach, der Kulturförderung des Kantons St.Gallen, dem Netzwerk Rorschach, der Billwiller-Stiftung, der Mobiliar Generalagentur Arbon-Rorschach, sowie den Mitgliedern des Vereins KulturFrühling für die ideelle und finanzielle Unterstützung. Ein herzlicher Dank geht an den Werkhof Rorschach und die Firma Rey Metallbau in Wittenbach für die Realisierung und Montage der Installation. Ganz herzlich danke ich unserem Sohn Claudius für seine intensive Unterstützung in technischen und grafischen Belangen, ebenso Herrn Peter Zimmermann, dem Grafiker von Roman Signer, für seine Unterstützung.

Zum Schluss möchte ich noch auf den Dokumentarfilm «Signers Koffer» von Peter Liechti hinweisen, den wir am Samstag, 11. Mai, um 11 Uhr als Filmmatinée im Projektraum im Kornhaus zeigen. In diesem Roadmovie von 1996 begleiten wir den Künstler von den Schweizer Alpen nach Ost-Polen, von Stromboli nach Island, und erleben mit, wie er die Stationen der Reise mit seinem ganz persönlichen Instrumentarium markiert: Mit bestechend lapidaren Eingriffen voll hintergründigem Humor.”