Hier noch weitere Details zur neuen Würth-Ausstellung

Mit der Vernissage der neuen Ausstellung «Literatur kann man sehen» am Donnerstagabend präsentiert das Forum Würth Rorschach drei Autoren, drei bildende Künstler, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hermann Hesse spürt in seinen sinnlichen Farbkompositionen einer poetischen Wahrheit nach. Günter Grass porträtiert neben Alltäglichem auch Großartigkeit und Schrecken des 20. Jahrhunderts und Hans Magnus Enzensberger lädt zu einer spielerischen, hintergründigen und intellektuellen Auseinandersetzung mit Wort, Text und ihrem Bedeutungsgehalt ein.

Hans Magnus Enzensberger (*1929) – «WortSpielZeug»

Hans Magnus Enzensberger ist einer der bedeutendsten deutschen Lyriker nach 1945, zugleich Essayist, Biograf, Herausgeber und Übersetzer sowie im Ganzen einer der einflussreichsten sowie weltweit bekanntesten deutschen Intellektuellen. Im Forum Würth Rorschach begegnet man ihm auf überraschende Weise. Achtzehn Literatur- und Sprachautomaten vereinigen sich unter dem Titel «WortSpielZeug» und laden zu einer spielerischen, hintergründigen, intellektuell anregenden und vor allem physischen Auseinandersetzung mit Wort, Text und ihrem Bedeutungsgehalt ein. Vorausgegangen war dem «WortSpielZeug» die Erfindung eines Poesie-Automaten, der sich heute in der Sammlung Würth und als Dauerleihgabe im Literaturmuseum der Moderne in Marbach befindet. Per Zufallsprinzip können hiermit Gedichte generiert werden. Enzensberger selbst kommentiert rückblickend: «Vor gut fünfundzwanzig Jahren war mir ausnahmsweise langweilig zumute. […] Ich zog mich auf gewisse Sprach- und Denkspiele zurück, die den Vorzug des Obsessiven hatten. Je härter die Nüsse waren, die es zu knacken galt, desto besser. Einer solchen Fluchtbewegung verdankt sich das Projekt eines Poesie-Automaten, den ich damals entwarf.» «WortSpielZeug» entstand in den Jahren 2003 bis 2006 und wurde durch die Förderung der Würth-Gruppe ermöglicht. Erste Ausstellungen erfolgten 2006 in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall sowie anschliessend im Literaturmuseum der Moderne in Marbach. Zuletzt waren 2015/16 Objekte in der Ausstellung «Von Hockney bis Holbein. Die Sammlung Würth in Berlin» im Martin-Gropius-Bau und 2016 im Forum Würth Chur zu sehen.

Günter Grass (1927 – 2015) – «Mein Jahrhundert» und weitere Werke

Günter Grass bewertet seine Tätigkeit als bildender Künstler von jeher gleichrangig zu seinem literarischen Schaffen. Nicht selten treten beide Facetten seines Werkes in einen kreativen Austausch. Im Zentrum der Ausstellung steht der grosse Aquarellzyklus «Mein Jahrhundert», in dem Grass hundert Jahre Revue passieren lässt: Zu jedem Jahr des 20. Jahrhunderts wird aus wechselnder Perspektive eine Geschichte erzählt, sodass ein farbiges Porträt dieses an Grossartigkeiten und Schrecknissen reichen Zeitraums entsteht. Oder in den Worten von Günter Grass: «Danach war der intensiven und durch nichts zu unterbrechenden Arbeit an der vorgefassten Idee, auf dass ‹Verjährte Geschichten› zu ‹Mein Jahrhundert› wurden, nicht mehr auszuweichen. [ …] Es sollte ein vielstimmiges Konzert werden. Geschichten aus Sicht und Erfahrung der Opfer und Täter, der Mitläufer und Parteigänger, der Jäger und Gejagten, all jener, die nicht Geschichte gemacht hatten, denen aber unausweichlich Geschichte widerfahren war, Männer und Frauen, Junge und Alte, die sich hier schummelnd, dort übergenau erinnerten, mal nach frischer Tat, mal aus verjährter Distanz. Den sächsischen, bayerischen Mief zum Sprechen bringen. Der Ruhrpott, Berlin, Kölns Klüngel sollten sich ausplaudern.» In der Sammlung Würth ist das künstlerische OEuvre von Günter Grass weitreichend vertreten. Ausstellungen seiner Werke fanden in den vergangenen Jahren beinahe in allen 14 Museen und Kunstdependancen der Würth-Gruppe von Norwegen über Deutschland bis Italien und nun in Rorschach statt.

Hermann Hesse (1877 – 1962) – «Dichtung wie Träume»

«Wie kam es dazu, dass Hermann Hesse als Dichter zu malen begann? Denn auf das Malen hat er, was sich erst nach seinem Tod, bei der Durchsicht des Nachlasses herausstellte, insgesamt wohl ein Drittel seiner Arbeitskraft verwendet und noch im Alter von 80 Jahren einem Leser aus Liverpool geantwortet: ‹Für mich sind die beiden schönsten Dinge, die ein Mensch tun kann, das Musizieren und Malen. Ich habe beides nur als Spiel und Dilettant betreiben können, aber es hat mir sehr bei der schwierigen Aufgabe geholfen, das Leben zu bestehen›.» So schreibt Volker Michels, ein Kenner des Werkes von Hermann Hesse. Die Neigung zum Malen hatte Hesse schon in jungen Jahren, aber eigentlicher Anstoss wurde die schwere Lebenskrise, die er in der Zeit des Ersten Weltkriegs durchlitt. Da begann er als Autodidakt, als Selbsthilfe in psychologischer Behandlung mit dem Pinsel und Zeichenstift zu arbeiten. Zunächst illustrierte er Handschriften und Gedichte, später malte er vor allem die farbenfrohe Landschaft des Tessins, wo er sich niedergelassen hatte. In seinen sinnenfrohen Farbkompositionen spürte er dabei keiner naturalistischen, sondern der poetischen Wahrheit nach. Für ihn war die Malerei «eine Art von Ausruhen, eine Befreiung von der verfluchten Willenswelt und ein Mittel, um Distanz von der Literatur zu gewinnen». 1925 schreibt er: «Nicht, dass ich mich für einen Maler hielte, aber das Malen ist wunderschön. Man hat nachher nicht, wie beim Schreiben schwarze Finger, sondern rote und blaue.» Und noch wenige Wochen vor seinem Tod hat er, wie Volker Michels festhält, der Tageszeitung «Die Welt» auf ihre an die deutschen Schriftsteller gerichtete Umfrage «Warum schreiben Sie?» mit dem ihm eigenen Schalk geantwortet: «Weil man nicht den ganzen Tag malen kann.» (Text/Bilder: pd)

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