Das stattliche Stadtfest auf dem Kabisplatz

Früher, werte Festfreudige beiderlei Geschlechts, früher war alles viel besser. Das haben auch schon jene gesagt, die sich früher an früher erinnerten. Nicht nur in Rorschach. Hier hat sich in rund zwei Jahrzehnten das einstige Städtlifest zum stattlichen Stadtfest gemausert und schliesslich als Kabisplatzfest etabliert. An den Beizentischen vereinen sich jung und alt mit schweizerischen und ausländischen Wurzeln, ebenso beim Personal der Vereinsbeizen, das die Festerinnen und Fester beflissen mit Speis und Trank versorgt.

 «Ohne Musik», schrieb Nietzsche, «wäre das Leben ein Irrtum» – beizufügen wäre: . . . und ein Fest kein Fest. Während früher am Städtlifest die Festbeizen mit ihrer Musik locker im Herzen Rorschachs verteilt waren, drängen sie sich heute eng an eng auf dem Kabisplatz. Der Vorteil ist, dass die Wege zwischen ihnen kurz sind. Der Nachteil ist, dass man nicht mehr beim Flanieren von einer Festbeiz zur nächsten zufällig auf Bekannte beiderlei Geschlechts stösst, mit denen man einen kurzen, unbeschallten Schwatz abhalten kann. Wer sich daran erinnert, gehört zweifellos zur Garde 50 plus. Einige Exemplare dieser Sorte meinen, dass damals die Musik von Beiz zu Beiz nicht nur unterschiedlicher, sondern auch weniger laut war als heute, so dass man dort noch miteinander sprechen konnte und Bestellungen der ehrenamtlichen Bedienerschaft nicht durch mehrfaches Brüllen kommunizieren musste.

Leise Kritik aufgrund dieser Erinnerung wurde zwar am Kabisplatzfest hier und dort geäussert, war jedoch im räumlich konzentrierten Brei des ohrennarkotisierenden Bumbumbum nirgends zu hören. Was soll’s? Nichts ist, wie Heraklit feststellte, so beständig wie der Wandel. In den vergangenen zwanzig Jahren hat die Kommunikation dank der Digitalisierung sintflutartig zugenommen. An einem Fest will man sich darum heute in möglichst wattreichem Lärm von der Kommunikationsflut erholen und auf das antiquierte Modell analoger Gespräche verzichten. Altvorderen beiderlei Geschlechts, welche die Musik – wie Thomas Carlyle – als Sprache der Engel verstehen, blieb am Sonntagabend als Alternative ein tolles Orgelkonzert in der Kolumbanskirche. Und zudem bleibt ihnen die Vorfreude auf die Anlässe von «Rorschach – da isch Musig» im Herzen der Hafenstadt. Während diesen weniger wattreichen Sommerkonzerten sind analoge Gespräche noch möglich. Dankbar für diese Möglichkeit ist hoffentlich mit Ihnen, geneigte Leserin, geneigter Leser,

Ihr Federfuchser

1 Kommentar zu "Das stattliche Stadtfest auf dem Kabisplatz"

  1. Battaglia Gieri | 12. Juni 2018 - 09:38 um 09:38 |

    Der Federfuchser hat den Nagel wieder einmal auf den Kopf getroffen!!!

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